Cyclocross: So macht Radfahren im Winter Spaß

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Wout Van Aert: Im Sommer auf der Straße, im Winter im Gelände © imago images/Belga, DAVID STOCKMAN via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Spaßbremse Winter

Winter, Regen, Wind, Temperaturen von knapp über null Grad, es wird früh dunkel. Das sind nicht gerade die idealen Bedingungen für ausgiebiges Grundlagenausdauertraining mit dem Rennrad. Was aber sind die Alternativen?

Die Alternative: Radtausch

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König im Crossland: Mathieu van der Poel, Weltmeister 2020 © imago images/Belga, DAVID STOCKMAN via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Ich schwöre auf das gute alte "Querfeldein" oder Cyclocross, wie man mittlerweile sagt. Oder schlicht Crossen. Drei Dinge machen seinen Charme aus: Dauer, Intensität, Koordination – es dauert nicht so lang, es ist anstrengender und es verlangt Kopf und Körper und deren Zusammenspiel viel mehr ab.

Ich tausche also die Straßenmaschine gegen den Crosser ein (Lesen Sie hier: die entscheidenden Unterschiede zwischen Renn- und Crossrad). Es beginnt mit einem kurzen ruhigen Warmfahren auf dem Asphalt, um den Körper auf das vorzubereiten, was kommt. Denn wenn ich von der Straße auf den unbefestigten Waldweg abbiege, wechselt die Musik von "Road to Mandalay" zu "Highway to Hell". Sobald ich den glatten Untergrund verlassen habe, muss ich feststellen: Mit gebremsten Schaum komme ich nicht weit. Die Reifen pflügen schwerfällig durch den Matsch, das Rad verliert die Stabilität, die man vom Dahingleiten auf der Straße gewohnt ist. Denn hier gleitet nichts, hier walzt, rumpelt und rutscht es. Niedriger Luftdruck in den Reifen und vor allem Matsch und Schlamm bremsen das Rad aus, die Losung heißt: Ordentlich Druck auf das Pedal, um einigermaßen voranzukommen. So lassen sich für mich die Bodenverhältnisse am besten abchecken.

Cyclocross ist Instinktfahren

Cyclocross
Cyclocross: Munter durch den Dreck © RTL.de

Datenbasiertes Training im Gelände? Herzfrequenz oder Wattzahlen im Auge behalten? Habe ich weder Lust noch Gelegenheit zu. Cross ist Instinktfahren. So wie man gerade Bock hat oder die Verhältnisse es erfordern– Wout van Art, Mathieu van der Poel und Julien Allaphilippe fahren auf der Straße nicht ohne Grund so wie sie fahren.

Mein Fokus richtet sich voll auf die Strecke, stetiger Wechsel zwischen dem was mittelbar und unmittelbar vor mir liegt. Was kommt mit entgegen? Was macht der Boden vor mir? Gibt es da Wurzeln, Steine, Löcher, die sich möglicherweise unter dem nassen, rutschigen, verrottenden Laub verstecken? Vieles erkennt man erst, wenn es fast zu spät ist. Irgendwie sind Körper und Sinne komplett im „Hab-Acht“-Modus, aber nicht im Sinne von „Stress“. Es fühlt sich eher so an, als wäre der Übergang vom Asphalt zum Matsch das Durchqueren eines Portals in eine andere Rad-Dimension. Vielleicht schärft Matsch auch die Sinne, ich weiß es nicht.

Ganz wichtig: Körperspannung aufrecht halten, nicht verkrampfen. Denn auch breitere, profilierte Reifen und niedriger Luftdruck erzeugen nicht den Grip, den man von der Straße kennt. Am deutlichsten macht sich das in Kurven bemerkbar. Vor allem das Hinterrad rutscht viel schneller weg – darauf sollte man sich einstellen. Wald und Feldwege sind viel schlechter einsehbar als Straßen. Auf der vermeintlichen Ideallinie könnten immer kleine Hindernisse und Unebenheiten lauern. Auf diesen Wegen spüre ich – aufgrund der nicht vorhandenen Federung – jeden Stock, jeden Stein, jede Wurzel.

Du hasst es oder Du liebst es

Cyclocross
Cross kostet Kraft: Niedriger Luftdruck in den Reifen und vor allem Matsch und Schlamm bremsen das Rad aus © RTL.de

Und an dieser Stelle entscheidet sich, ob man Cross liebt oder hasst: Ich komme einen Hügel hinunter, durch ein ca. ein Meter langes Sandbett geht es auf den weiterführenden Pfad, nach ca. 50 Metern folgt eine halbwegs einsehbare 90-Grad-Kurve nach links. Bergab schön Geschwindigkeit aufbauen, dann Gewicht auf das Hinterrad, Arme ausgestreckt, rein in das Sandbett, das als so was wie eine automatische Bremse dient. Was das Rad da macht ist aber nicht klar vorherzusehen. Das Vorderrad könnte ausreißen, also muss ich es unter Kontrolle behalten. Es könnte sich aber auch selbst den Weg durch den weichen Untergrund bahnen, deshalb sollte ich ihm auch eine gewisse Freiheit lassen. Sobald ich durch den Sand bin, sollte ich aber wieder komplett die Kontrolle über den Lenker übernehmen. Der Untergrund wird wieder fester und die Kurve naht. Möglichst auf der Ideallinie bleiben – außen anfahren, innen schneiden, weit außen wieder raus. Möglichst nicht bremsen. Das Hinterrad bricht aus.

Es ist wahrscheinlich weniger als eine zehntel Sekunde, die hier über Sturz oder weiter geradeaus entscheidet, keine Ahnung. Und ich kann auch nicht genau sagen, was mich letztlich auf dem Rad hält, vermutlich eine Gewichtsverlagerung aus der Hüfte heraus, es ist instinktiv. Wäre es das nicht, läge ich auf dem Boden. So aber liegt die nächste Kurve vor mir, ich atme kurz durch, der Fokus liegt schon wieder auf dem, was kommt. Denk ich drüber nach, ob ich stürzen könnte? Eigentlich nicht. Ich bin mir irgendwie bewusst, dass es passieren könnte, bevor ich losfahre und nachdem ich wieder da bin. Beim Fahren ist der Gedanke eher hinderlich. Da konzentriert sich das Bewusstsein komplett auf die Strecke und das Ausloten von Grenzen.

Crossen schult die Fahrtechnik

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Balanceakt: Cyclocross schult die Radbeherrschung © imago images/Belga, DAVID STOCKMAN via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Mit wunderschöner Regelmäßigkeit wegrutschende Hinterräder und teils heftige Stöße abfangen, minimale blitzschnelle Richtungsänderungen über das Becken koordinieren, unvorhergesehen Sprünge und Vollbremsungen – all das schult die Fahrtechnik. Und lässt einen zu Beginn der Straßensaison viel entspannter auf dem Rad sitzen, weil man auf fast alles vorbereitet ist. Und es stärkt die Kondition, das Zusammenspiel von körperlicher und mentaler Ausdauer.

Auch wenn munter durch den Matsch fahren richtig viel Spaß macht, eines sollte man beachten: Es ersetzt nicht das Grundlagenausdauertraining. Es ist nur eine sinnvolle Ergänzung, die sicher stellt, dass der Spaß auf dem Rad erhalten bleibt, sozusagen das Salz in der alljährlichen Wintertrainingssuppe.