Die schwere Rückkehr zur Normalität

Wenn junge Leute plötzlich Angst vor anderen Menschen haben

Junge Menschen leiden unter Verzicht während der Pandemie

Im Club bis in die Morgenstunden tanzen, als Lerngruppe an der Uni einen Kaffee zusammen trinken oder einfach auf dem Schulhof quatschen: Eigentlich das Normalste der Welt im Alltag eines Jugendlichen oder jungen Erwachsenen. Doch darauf mussten während der Corona-Pandemie alle verzichten. Doch wie hat sich dieser Verzicht auf die Psyche der Betroffenen ausgewirkt? Die Frankfurter Kinder- und Jugendtherapeutin Miriam Hoff hat die Antworten – im Video!

Psychotherapeutin: "Das ist wirklich, wirklich bedenklich"

Psychologin Miriam Hoff behandelt seit der Pandemie vermehrt junge Patienten mit Angststörungen und Depressionen.
Kinder- und Jugendtherapeutin Miriam Hoff behandelt seit der Pandemie vermehrt junge Patienten mit Angststörungen und Depressionen. © RTL

„Junge Menschen (zwischen 15 und 25) brauchen Sozialkontakte – und zwar mehr als alle anderen Altersklassen“, bestätigt Psychotherapeutin Miriam Hoff im Interview. Doch das Coronavirus machte anderthalb Jahre das Ausleben von Gruppenzugehörigkeit und das Sammeln von Erfahrungen außerhalb der eigenen vier Wände so gut wie unmöglich. „Das ist wirklich, wirklich bedenklich“, warnt Hoff. Umso schwieriger wird jetzt die Rückkehr zur Normalität.

LESETIPP: Schleswig-Holstein verzichtet als erstes Bundesland auf Maskenpflicht und Kapazitätsbegrenzung

Studentin Ylaya: " Ich habe mich von meinen Freunden distanziert"

Dicht an dicht im Club oder auf Partys tanzen – Fehlanzeige. Alternative für diesen realen Kontakt waren in den letzten 1,5 Jahren oftmals Nachrichten über Messenger-Dienste. Und diese können das analoge Beisammensein einfach nicht ersetzen. Studentin Ylaya Saenger klagt, dass sie zwar keine Freunde verloren habe, sich jedoch stark distanziert habe. Dass dann auch die Begrüßung sehr verhalten ausfällt, wenn man sich dann endlich mal trifft, belastet ihre Freundin Lisa Moe: „Man fällt sich nicht mehr so einfach um den Hals und das ist ziemlich schade! Gerade das ist ja an Freundschaften so schön.“

LESETIPP: Kinderärztin: Lockdown schadet Kindern mehr als das Virus

Die Studentinnen Lisa und Ylaya leiden unter dem sozialen Verzicht während der Corona-Pandemie.
Die Studentinnen Lisa und Ylaya leiden - wie viele in ihrem Alter - unter dem sozialen Verzicht während der Corona-Pandemie. © RTL

Das Interagieren mit anderen Menschen wird "unwirklich"

Dass Lisa jemanden umarmen möchte und trifft, ist nicht selbstverständlich: Manche Betroffene entwickeln aufgrund dieser Umstände der Isolation Phobien oder Depressionen, sagt uns Jugendtherapeutin Miriam Hoff. Das Interagieren mit anderen Menschen werde plötzlich „unwirklich“, besonders Jugendliche und junge Erwachsene würden dazu neigen, sich zurückzuziehen.

Krankheitsbild: Panikattacken und Depressionen

„Die Ängste, die latent vorhanden sind, konnten sich in der Pandemie entwickeln“, erklärt Hoff. Junge Menschen kommen zu ihr und haben konkrete Angst- und Panikstörungen, sind von der Rückkehr zum Normalzustand überfordert: Plötzlich wieder auf viele Menschen zu treffen, bereitet den Betroffenen regelrecht Panik. Auch Depressionen seien in den letzten 1,5 Jahren bei jungen Menschen verstärkt worden. Wer weniger Kontakt zu anderen hat, weniger Sport macht oder dem der geregelte Tagesablauf fehlt, ist weniger stabil und kann bei einer Tendenz dazu Depressionen entwickeln.

„Teilt euch bei solchen negativen Gefühlen jemandem mit“, rät Miriam Hoff. Denn drüber zu reden, ist der erste Schritt, um aus der Lockdown-Spirale wieder herauszukommen. (gmö)