Britische Touristen „wie Geiseln“ in Hotel festgehalten

FILE PHOTO: A Thomas Cook Airbus A321-200 airplane takes off at the airport in Palma de Mallorca, Spain, July 28, 2018.  REUTERS/Paul Hanna/File Photo
FILE PHOTO: A Thomas Cook Airbus A321 airplane takes off at the airport in Palma de Mallorca © REUTERS, Paul Hanna, /FW1F/Nicholas ZIEMINSKI

Personal fürchtet offenbar um sein Geld

Das Reiseunternehmen Thomas Cook Group steht kurz vor dem Bankrott: Bis heute muss der Konzern weitere 226 Millionen Euro für seinen bereits laufenden Rettungsplan aufbringen, sonst droht das sofortige Aus. Rund 600.000 Urlauber sollen deshalb laut der Nachrichtenagentur AFP Gefahr laufen, zu stranden. Für einige Touristen aus Großbritannien scheint das schon bittere Realität zu sein: Sie berichten jetzt, in ihrem Hotel in Tunesien festgehalten worden zu sein – weil das Personal Angst hatte, nicht bezahlt zu werden.

Wachen ließen niemanden gehen

Wie mehrere Gäste des „Les Orangers Beach Resort“ in der Nähe von Tunis der britischen Daily Mail berichten, wurden sie auf dem Gelände des Hotels regelrecht eingeschlossen. Das Personal hätte von ihnen gefordert, für den Aufenthalt zu bezahlen – obwohl die Urlauber dies bereits über den Reiseveranstalter Thomas Cook getan hatten. „Es ist exakt dasselbe, wie als eine Geisel festgehalten zu werden“, berichtet Ryan Farmer aus dem britischen Leicestershire. „Wir standen vor den Toren. Dort hatten sie vier Sicherheitskräfte postiert, die sie versperrten und angewiesen waren, niemanden gehen zu lassen.“

Auf die Bitte eines Iren, der versuchte, die Wachen zu überzeugen, hätten diese nur mit Gelächter reagiert. Auch den Strand hätte das Hotel absperren lassen, damit niemand „flüchten“ könne, wie die Urlauberin Claire Simpson aus Manchester klagt.

Vermittlungsversuche durch Thomas Cook abgeblockt

Andere Gäste des Hotels bekräftigen die Vorwürfe: Das W-LAN im Hotel sei abgestellt, der Bus, der sie morgens zum Flughafen bringen sollte, nicht durchgelassen worden. Eine über 80-jährige Frau sei angeblich gezwungen worden, mehr als 2.000 Pfund (ca. 2264 Euro) zu zahlen, um das Gelände verlassen zu können. „Ein Vertreter von Thomas Cook versucht, die Situation mit dem Hotel zu klären, aber die Leitung ist schlichtweg nicht daran interessiert“, erklärt Ryan Farmer.

Die chaotische Situation verbreitete sich schnell durch Social-Media-Videos: Ein Video zeigt die Gäste vor den Hotel-Toren, der Zeuge berichtet: „Es ist einfach widerlich, dass Kunden von Thomas Cook in tunesischen Hotels festgehalten werden, bis sie die Rechnung bezahlen, die Thomas Cook ihnen schuldet.“

300.000 deutsche Urlauber betroffen

Laut der Nachrichtenagentur Reuters sind 300.000 der insgesamt 600.000 Kunden, die derzeit Reisen über Thomas Cook gebucht haben, Deutsche. Geht ein Reiseveranstalter bankrott, springen in Deutschland laut Spiegel Online Versicherer für den Schaden der Pauschalreisenden ein. In Großbritannien bezahle hingegen der Staat dafür, die Urlauber wieder nach Hause zu holen. Im Falle einer Insolvenz von Thomas Cook müsse die britische Regierung mit Kosten in Höhe von mehreren Millionen Pfund rechnen. Betroffen sind rund 160.000 Urlauber - es wäre für die Geschichte des Landes also die größte Rückholaktion in Friedenszeiten.

Neben den 600.000 Kunden des 178 Jahre alten Unternehmens machen sich nun vor allem die 22.000 Mitarbeiter, die Thomas Cook weltweit beschäftigt, Sorgen um ihre Zukunft. Ob eine Pleite in letzter Sekunde abgewendet werden kann, entscheidet sich nach den Verhandlungen des Reiseveranstalters mit der britischen Regierung am Sonntagabend: Sollte Thomas Cook das benötigte Geld nicht beschaffen können, könnte der Konzern Gläubigerschutz beantragen müssen.