Bringt der Klimawandel mehr Waldbrände? Das sagt Waldbrandprofessor Johann Goldammer

Ende August standen in Brandenburg etwa 400 Hektar Wald in Flammen. Nach Auskunft des Waldbrandschutzbeauftragten, Raimund Engel, brannte es allein in Brandenburg im Jahr 2018 auf 1.300 Hektar. Der trockene Sommer begünstigte die Feuer. Es stellt sich nun die Frage, ob wir in Zeiten des sich wandelnden Klimas häufiger mit solchen Feuern rechnen müssen und wie unsere Feuerwehren darauf vorbereitet sind. Dazu sprachen wir mit Prof. Dr. Johann Georg Goldammer, Leiter der Arbeitsgruppe Feuerökologie am Max-Planck-Institut für Chemie. Goldammer gilt als Europas einziger Waldbrandprofessor.

"2018 zeigt, dass wir große Probleme bekommen können"

goldammer
Professor Johann Goldammer - hier bei einem Experiment - ist Europas einziger Waldbrandprofessor.

wetter.de: Herr Prof. Dr. Goldammer, gibt es die Beobachtung, dass Wald- und Flurbrände in Deutschland tatsächlich zunehmen?

Goldammer: Rein statistisch ist das Jahr 2018 ein Ausreißer. Tatsächlich waren in den letzten 20 Jahren die Landschaftsbrände – also alle Wildfeuer in Wäldern, landwirtschaftlichen Flächen und anderen Offenland-Ökosystemen – sehr stark zurückgegangen. Die einzigen einigermaßen zuverlässigen Statistiken, die die Bundesländer an das Bundesamt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) zur Auswertung schicken, sind tatsächlich nur die Brände auf Flächen, die als Wald eingestuft sind. Andere Flächenbrände werden hingegen statistisch nicht erfasst. Und die von Feuer betroffenen Waldflächen hatten bislang eine geringe durchschnittliche Größe, etwa einen halben Hektar. Das Jahr 2018 hat aber gezeigt, dass wir in einem solch extrem trockenen und heißen Jahr große Probleme bekommen können. Und der Klimawandel schafft die Voraussetzungen dafür, dass sich solche lang andauernden Extremwetterlagen vermehrt einstellen werden. Für die Zukunft bedeutet das tatsächlich, dass das Problem weiter zunehmen wird.

Forstwirtschaft muss sich auf die klimabedingten Veränderungen einstellen

wetter.de: Welche Maßnahmen können überhaupt dagegen getroffen werden?

Goldammer: Was in der Vergangenheit sicher ein Grund war, dass es bei uns nur wenige großflächige Landschaftsbrände gegeben hat, liegt zum einen an der guten Erschließung unserer Wälder. Selbst die für andere Zwecke gebauten großen Feuerwehrfahrzeuge können relativ nahe an den Wald heranfahren, oder auch in den Wald hinein. Aber jenseits der Wege ist dann Schluss mit der Befahrbarkeit. Das Verlegen von Schlauchleitungen zum Feuer, das im "Innenraum" des Waldes brennt, hat sich als ausgesprochen ineffizient herausgestellt. Diese Methoden der Feuerbekämpfung von der Straße aus und mit den schweren, unbeweglichen Gerätschaften, sind langfristig ungeeignet um dem Problem zu begegnen.

Wichtig ist aber auch vor allem die Arbeit in der Prävention von Landschaftsbränden. Die Aufklärung, Frühwarnung und die Zusammenarbeit mit der Bevölkerung in Hinblick auf den Umgang mit Feuer läuft sehr gut, und viele der Waldbrandmeldungen durch verantwortungsbewusste Bürger erfolgen sehr zeitnah (Notruf 112). Wichtig ist aber vor allem, dass sich die Forstwirtschaft auf die klimabedingten Veränderungen einstellt und damit beginnt, Wege zu finden, wie der Wald widerstandsfähiger gegen extreme Wetterlagen und der daraus resultierenden Konsequenzen zusammengesetzt und aufgebaut werden kann, um diesen vermehrten Belastungen standzuhalten. Neben Trockenzeiten und Hitzewellen, die zu größeren Waldbrandlagen führen können und die Wälder durch Trockenheit stark schädigen können, beeinflussen auch extreme Windlagen (Stürme) die Wälder. Und Extremniederschläge, die in kurzer Zeit hohe Wassermassen in die Landschaft einbringen, können zu Sturzfluten und weiträumigen Überschwemmungen führen – das muss der Wald, der widerstandsfähig gegen diese Extrembelastungen sein muss, "auffangen" können.

Einsatzkräfte kämpfen seit Tagen gegen das Feuer
Einsatzkräfte kämpfen seit Tagen gegen das Feuer Waldbrand in Brandenburg 01:37

Feuerwehren waren früher besser ausgerüstet

wetter.de: Sind unsere Feuerwehren für große Waldbrände wie zuletzt im Fläming überhaupt ausgerüstet?

Goldammer: An sich sind die Feuerwehren noch nicht wieder für mehr und vor allem für größere Waldbrände angemessen ausgerüstet. Nach den großen Waldbränden in Niedersachsen in den Jahren 1975 und 1976 hatten die Feuerwehren gelernt und stark in angemessene Techniken, wie geländegängige Fahrzeuge oder auch Feuerlöschflugzeuge investiert. In der damaligen DDR wurde dem Waldbrandschutz seinerzeit ebenfalls mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Mit der rückläufigen Anzahl und Größe erlosch aber die Aufmerksamkeit. Die geländegängigen Fahrzeuge wurden nach und nach abgeschafft und nicht durch vergleichbare ersetzt, ebenso wie die Löschflugzeuge, die in die 1980er Jahren in den Alten Bundesländern zur Verfügung standen und in den Neuen Bundesländern im Jahr 2014 den Betrieb einstellen mussten. Dass nun zum Beginn eines neuen Klima-Zeitalters, in dem wir mit vermehrt auftretenden Trockenzeiten und Hitzewellen rechnen müssen, und damit auch mehr Landschaftsbränden, eine neuerliche Umorientierung notwendig sein wird, ist offensichtlich.

wetter.de: Was müsste sich verbessern? Hilft vielleicht ein Blick ins Ausland?

Goldammer: Es ist nicht so, dass es in Deutschland keinerlei Erfahrungen auf dem Gebiet der Forschung und auch – so wie wir es nennen – im sogenannten "Feuer-Management" – gibt. Im Gegenteil: Deutschland hat ja die Einrichtung mit zwei Funktionen, der Arbeitsgruppe Feuerökologie (seit 1979) und dem Zentrum für Globale Feuerüberwachung (Global Fire Monitoring Center). Hier wurden über die vergangenen Jahrzehnte Verfahren der Nutzung von kontrolliertem Feuer im Naturschutz und in der naturgemäßen Waldbewirtschaftung entwickelt, die weltweit Anwendung finden.

In Deutschland begannen wir, in den 1990er Jahren intensiver an diesem Thema zu arbeiten, auch in der Anwendung angemessener Verfahren beim Löschen von Waldbränden. Es gibt nun schon eine Reihe von Gemeinden, zu denen auch der Standort des Zentrums, nämlich Freiburg i.Br., zählt. Dort haben wir mit überschaubarem Aufwand zwei der zehn Abteilungen der Freiwilligen Feuerwehren mit der zusätzlich notwendigen Ausstattung mit Handgeräten und leichter Schutzkleidung ausstatten lassen und vor allem die notwendige Ausbildung durchgeführt.

Verwildern lassen ist auch keine Lösung

wetter.de: Inwiefern hat der Mensch in Mitteleuropa das Auftreten von Landschaftsbränden begünstigt? Müsste sich dahingehend etwas ändern? Stichwort Erhalt von Mooren, Heiden, etc…

Goldammer: In der Geschichte der Entstehung von ökologisch wertvollen Natur- und Kulturlandschaften hat das Kulturschaffen der Menschen eine bedeutende Rolle gespielt. Traditionelle Landnutzung, darunter auch die Weidewirtschaft, haben abwechslungsreiche Landschaften geschaffen. Dabei spielte die Anwendung von Feuer sogar eine wichtige Rolle. Denn mit Hilfe kontrolliert und gezielt gelegter Feuer konnte das erreicht werden, was die Werkzeuge der Landwirte oder die Beweidung durch Haustiere nicht schaffen konnten: Die Verjüngung der überalterten oder anderweitig nicht nutzbaren Vegetation, die für Mensch und Tier in der Form nicht verarbeitet werden konnten. Da war das Feuer eine wichtige traditionelle Methode, deren Spuren wir noch heute in Wald- und Heidelandschaften sehen können.

Heute gilt es, die Anwendung dieser alten Brennverfahren in angemessener Form, basierend auf der erforderlichen wissenschaftlichen Grundlage, dort einzuführen, wo die Konflikte mit der vom Menschen besiedelten Umgebung nicht zu groß sind. Es mag paradox klingen: Neben der gezielten Beweidung und der mechanischen Pflege ist der Erhalt der Heiden durch kontrolliertes Brennen eine wichtige Alternative. Der Erhalt von Elementen der Kulturlandschaften umfasst aber auch völlig gegenteilige Maßnahmen. So müssen Moore und andere Feuchtgebiete, die vor langer Zeit trockengelegt wurden, durchaus wieder durch Vernässung renaturiert werden. Alte Kulturlandschaften zu erhalten geht nicht, indem man diesen die Käseglocke des Nichtstuns überstülpt. Dann verwildern diese und werden damit auch einem hohen Risiko von Wildfeuern ausgesetzt.