Wirksamkeit auch bei Älteren unter Beweis gestellt

AstraZeneca-Impfstoff: Das Zögern wird den Deutschen zum Verhängnis

In Frankreich werden Menschen bis 75 bereits mit AstraZeneca geimpft.
In Frankreich werden Menschen bis 75 bereits mit AstraZeneca geimpft. © picture alliance/dpa/TASS, Alexander Shcherbak

STIKO-Empfehlung für AstraZeneca: Impfung nun auch für 65 bis 75 Jährige

AstraZeneca gilt als Impfstoff der Jüngeren. Dabei zeigen neuere Daten: Er ist auch bei älteren Menschen sehr wirksam. Eine aktualisierte Empfehlung lässt aber noch auf sich warten.

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Corona-Maßnahmen: Viel spricht für Ausweitung der AstraZeneca-Bestimmung

Frankreich hat es vorgemacht: Künftig sollen dort auch Menschen bis 75 Jahre den Impfstoff des britisch-schwedischen Pharmaunternehmens AstraZeneca bekommen. Bisher war der Impfstoff – ähnlich wie in Deutschland – nur für Erwachsene unter 65 Jahren bestimmt. Von der Ausweitung könnten nun rund 2,5 Millionen Menschen profitieren. Vieles spricht dafür, dass ein solcher Schritt auch in Deutschland sinnvoll ist. Doch eine aktualisierte Empfehlung der Ständigen Impfkommission (Stiko) lässt trotz Ankündigung noch auf sich warten.

Ein kurzer Rückblick: Ende Januar gab die Europäische Arzneimittelagentur Ema grünes Licht für eine Zulassung des AstraZeneca-Vakzins für alle Erwachsenen ab 18 Jahren. Weil Wirksamkeitsdaten bei älteren Menschen fehlten, empfahl die Stiko den Impfstoff jedoch zunächst für Erwachsene zwischen 18 und 64 Jahren. Ein richtiger Schritt, schließlich müssen zugelassene Impfstoffe für alle Altersgruppen, in denen das Mittel zum Einsatz kommt, sicher und wirksam sein. Fehlen Daten oder sind gewisse Altersgruppen in den Zulassungsstudien unterrepräsentiert, müssen zunächst genauere Daten her, bevor eine Empfehlung ausgesprochen werden kann.

AstraZeneca-Impfstoff: Wirksamkeit bei Älteren unter Beweis gestellt

Heute, gut vier Wochen nach der Ema-Entscheidung, gibt es wichtige und neue Erkenntnisse. Zwei Untersuchungen zeigen, dass AstraZeneca auch bei älteren Menschen eine hohe Wirksamkeit hat. Die Daten sind vor allem deshalb interessant, weil sie zeigen, wie sich die Impfstoffe in der "echten Welt" schlagen.

  • Die erste Untersuchung erschien bereits am 19. Februar und stammt von der Universität von Edinburgh, Schottland. Es handelt sich um ein Preprint, also eine Vorab-Veröffentlichung, die noch nicht von unabhängigen Experten und Expertinnen begutachtet wurde. Vier Wochen nach der ersten AstraZeneca-Dosis ging das Risiko der Geimpften, wegen Covid-19 ins Krankenhaus zu müssen, um 94 Prozent zurück, heißt es in der Veröffentlichung. Beim Impfstoff von Biontech/Pfizer liegt die Risikoreduktion demnach bei 85 Prozent. Interessant sind die Ergebnisse vor allem für die Altersgruppe 80+: Hier lag die Risikoreduktion in der vierten Woche nach der ersten Impfung im Schnitt bei 81 Prozent.

  • Die zweite Analyse stammt ebenfalls aus Großbritannien und wurde am 1. März von der britischen Gesundheitsbehörde "Public Health England" veröffentlicht. Auch dabei handelt es sich um ein Preprint. Betrachtet wurden die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und AstraZeneca. Beide Vakzine sind der Studie zufolge bei älteren Menschen ab 70 Jahren "hochwirksam". Allein durch die erste Dosis verringerte sich die Zahl der Krankenhauseinweisungen drei bis vier Wochen nach der Impfung um 80 Prozent – unabhängig davon, welcher Impfstoff verwendet wurde. Auch die Zahl der Covid-19-Erkrankungen sank deutlich. Vier Wochen nach der ersten Dosis hätten Geimpfte im Alter ab 70 Jahren zwischen 60 und 73 Prozent (AstraZeneca) weniger Covid-19-Erkrankungen gehabt als Ungeimpfte. Für den Impfstoff von Biontech/Pfizer liegt dieser Wert laut Studie etwas niedriger. Er wird mit 57 bis 61 Prozent angegeben. Wohlgemerkt: Die Prozentzahlen spiegeln die Risikoreduktion nach der ersten Impfstoffdosis wieder. Erst nach der zweiten Impfstoffdosis entfalten die Vakzine ihre volle Wirksamkeit.

Corona in Deutschland: Dritte Welle birgt Gefahren

Hunderttausende Dosen AstraZeneca lagern ungenutzt vor sich hin.
Hunderttausende Dosen AstraZeneca lagern ungenutzt vor sich hin. © picture alliance/dpa/TASS, Alexander Shcherbak

Zugelassen für Menschen ab 65 Jahren sind in Deutschland derzeit nur die zwei RNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna. Von diesen Vakzinen gibt es jedoch nicht genug für alle. Vorrang haben über 80-Jährige, während 70-Jährige derzeit leer ausgehen. Auf der anderen Seite lagern Hunderttausende Dosen AstraZeneca ungenutzt vor sich hin. Bis Donnerstag sollen knapp 1,1 Millionen Impfstoff-Dosen geliefert werden - die Liefermenge erhöht sich damit auf 3,2 Millionen. Bis einschließlich Sonntag haben laut RKI-Daten aber nur rund 455.000 Menschen eine Impfung mit AstraZeneca erhalten.

Dass der Impfstoff auf Vorbehalte in der Bevölkerung stößt und die Impfungen deshalb schleppend vorankommen, ist nur ein Teil der Wahrheit. Hinzu kommt: Die bisherige Stiko-Empfehlung und die Unterteilung in einzelne Prio-Gruppen bremsen die Impfstoff-Verteilung derzeit gerade dort aus, wo sie am meisten gebraucht wird – unter den Älteren und meist Vorerkrankten.

Eine Zulassung des AstraZeneca-Impfstoffs für Ältere würde nach Einschätzung des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach "viele Menschenleben retten". Die Begrenzung der Stiko auf unter 65-Jährige sei leider ein "Fehler" gewesen.

Die gute Nachricht sei, dass die Generation Ü80 bald geschützt sein werde, so Lauterbach. Die schlechte sei, dass die dritte Welle ältere Menschen unter 80 Jahren "besonders hart treffen" werde. "Bei Tod oder schwerem Verlauf verlieren sie pro Person viele Lebensjahre."

Stiko-Chef rechtfertigt Empfehlung für den AstraZeneca-Impfstoff

"Das Ganze ist irgendwie schlecht gelaufen", räumte auch Stiko-Chef Thomas Mertens am Freitagabend im Gespräch mit dem ZDF ein. Er rechtfertigte die Empfehlung für den AstraZeneca-Impfstoff mit einer dünnen Datenlage. "Wir hatten die Daten, die wir hatten, und haben auf der Basis dieser Daten die Empfehlung gegeben. Aber wir haben nie den Impfstoff kritisiert. Wir haben nur kritisiert, dass die Datenlage für die Altersgruppe über 65 nicht gut oder nicht ausreichend war."

Der Impfstoff sei "sehr gut", betonte der Stiko-Chef. Er werde durch hinzukommende neue Daten "noch besser in der Einschätzung". Es werde "sehr bald" zu einer neuen, aktualisierten Empfehlung kommen, kündigte Mertens an. Ein konkretes Datum nannte er aber nicht.

In Frankreich dagegen konnte das Verkünden der "guten Nachricht" offenbar nicht schnell genug gehen. Die Regierung bestätigte bereits am Montag – einen Tag vor der geplanten offiziellen Stellungnahme der Gesundheitsbehörde – die aktualisierte Empfehlung für den AstraZeneca-Impfstoff. Die Zeitung "Le Parisien" wertet dies als "Beweis für die Dringlichkeit der Situation".

Hinweis: Dieser Artikel von Ilona Kriesl erschien zuerst an dieser Stelle bei stern.de.