Grenzen des Wachstums

Warum das Jahr 2022 so wichtig für unser Klima ist

von Oliver Scheel

Die Klimakrise ist allgegenwärtig und sicherlich kann heutzutage wirklich niemand mehr behaupten, über die Folgen des menschlichen Handelns nicht informiert zu sein. Der Klimawandel findet jetzt statt, das haben wir im Jahr 2021 auch in Deutschland aufs Schärfste erleben müssen mit den Fluten im Westen. So war 2021 weltweit ein weiteres katastrophales Wetterjahr mit Hurrikans, Überflutungen (wie in China, Griechenland oder Kanada), dazu Winterstürme wie der in Texas. Nicht zu vergessen die Rekordtemperaturen von 50 Grad in Kanada. Und für die deutschen Versicherungen war 2021 das teuerste der Geschichte. All dies zeigt: Wir müssen handeln, denn wir nichts tun, bezahlen wir am Ende einen viel höheren Preis.

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Vor 60 Jahren schon erschien das Buch "Der stumme Frühling"

Bienenkästen stehen an einem Feldrand und spiegeln sich in einer Pfütze.
Ohne Bienen wird es auch für den Menschen schwierig zu überleben. Daher muss der Einsatz von Pestiziden verringert werden. © dpa, Patrick Pleul, ppl pzi jai

Und nun läuft das Jahr 2022 – und das ist enorm wichtig. Vor 60 Jahren schrieb die Biologin Rachel Carson das Buch „Der stumme Frühling“ – es wurde zu einer Art Grundstein für die Umweltbewegung. Vor 50 Jahren präsentierte der „Club of Rome“ seinen vielbeachteten Bericht „Die Grenzen des Wachstums“ in dem schon damals aufgezeigt wurde, dass es ein ständiges „Weiter so“ nicht geben kann. Nur haben wir danach eine fast schon groteske Spirale des Konsums und der Rohstoffplünderung in Gang gesetzt – obwohl wir über all dieses Wissen verfügen. Das Jahr 2022 muss nun ein Wendepunkt werden.

Klimaforscherin Friederike Otto im Interview mit wetter.de: „Klimaschutz darf weh tun, Veränderungen tun immer irgendwem weh. Aber Nichtstun tut sehr vielen Menschen sehr viel mehr weh.“

In ihrem preisgekrönten Buch „Der stumme Frühling“ beschreibt Rachel Carson das Sterben der Insekten und Vögel durch die Pestizidbombe DDT. Carson beobachtete in den Nachkriegsjahren das leise Sterben von Milliarden Lebewesen und Kleinstlebewesen und beschrieb die Auswirkungen dieses rigorosen Pestizid-Einsatzes auf die Ökosysteme der Welt. Das Buch löste in den USA eine heftige politische Debatte aus und führte schließlich zum Verbot dieses Pestizids.

Doch heute – 60 Jahre später – führen wir immer noch die gleichen Debatten. Die Politik traut sich zum Beispiel nicht an ein generelles Glyphosat-Verbot heran, obwohl wir heute viel mehr über die Konsequenzen wissen als Rachel Carson 1962. Wir wissen, dass wir innerhalb nur einer menschlichen Generation etwa 80 Prozent des Insektenbestands verloren haben. In unserer industriellen Landwirtschaft können die Insekten kaum überleben, aber wir führen Diskussionen um jeden kleinen Blühstreifen am Ackerrand. Dabei wissen wir, dass ohne Insekten auf diesem Planeten nichts geht. Sie sind Bestäuber und vor allem eine unverzichtbare Grundlage in der Nahrungskette. Es ist Aufgabe der neuen Regierung, hier endlich Maßstäbe zu setzen und sich den großen Lobbyverbänden entgegenzustellen. Klima- und Wirtschaftsminister Robert Habeck hat Großes angekündigt, daran muss er sich nun messen lassen.

Die Katastrophen des Jahres 2021: Hurrikan Ida bringt Sturmflut und Unmengen an Regen

50 Jahre nach "Grenzen des Wachstums" ist alles komplett entfesselt

20.04.2021, Kolumbien, Magui Payan: Polizisten gehen gegen eine illegale Goldmine vor, während Soldaten als Teil der «Operation Guamuez III» Wache stehen. Illegaler Goldabbau wird in Gebieten betrieben, die von kriminellen Banden mit wenig staatliche
Illegaler Bergbau in Kolumbien: Die Ausbeutung der Erde kommt an ihre Grenzen. Das wussten die Menschen schon vor einem halben Jahrhundert. Nur geändert haben wir nichts. © dpa, Fernando Vergara, flm

Ebenfalls ein Jubiläum begeht der weltberühmte Bericht „Die Grenzen des Wachstums“, der 1972 im Auftrag des „Club of Rome“ veröffentlicht wurde. Der Club of Rome besteht aus Industriellen, Ökonomen und Wissenschaftlern – umso bemerkenswerter, dass selbst die Spitzen der Wirtschaft schon vor einem halben Jahrhundert einsehen mussten, dass es mit der Ausbeutung des Planeten so nicht weiter gehen kann.

Die zentrale Schlussfolgerung des Berichts ist eine eindringliche Mahnung an unser Verhalten heute: „Wenn die gegenwärtige Zunahme der Weltbevölkerung, der Industrialisierung, der Umweltverschmutzung, der Nahrungsmittelproduktion und der Ausbeutung von natürlichen Rohstoffen unverändert anhält, werden die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde im Laufe der nächsten hundert Jahre erreicht.“

Lese-Tipp: Der „Club of Rome“ warnt vor dem Untergang

Aber welche Lehren hat der Mensch aus diesem Bericht, der immerhin 30 Millionen Mal als Buchform in 30 Sprachen verkauft wurde, gezogen? Keine. Die Welt dreht sich nur immer schneller. Neoliberalismus und Globalisierung haben die Ausbeutung der Rohstoffe, die Plünderung der Weltmeere und den CO2-Ausstoß in die Atmosphäre in schwindelerregende Höhen getrieben.

Versetzen wir uns mal kurz in die Lage der Autoren dieses Berichts vor 50 Jahren. Der Erdüberlastungstag, also der Tag, an dem die Menschheit die für ein Jahr zur Verfügung stehenden Ressourcen der Erde verbraucht hat, fand 1972 am 10. Dezember statt. Das heißt also, die Menschheit handelte nahezu nachhaltig. Sie verbrauchte „nur“ 1,06 Erden. 2021 war der Erdüberlastungstag schon am 29. Juli. Ab dem 29. Juli wirtschafteten wir auf Kosten der Erde und der kommenden Generationen. Es wird dringend Zeit, diese Spirale der Ausbeutung zu stoppen.

1,5 Grad-Ziel: Die Carbon-Clock zeigt an, wie viel CO2 wir noch in die Atmosphäre jagen dürfen

Und sonst? Das steht im Mittelpunkt der nächsten Klimakonferenz in Ägypten

UN Climate Conference In Glasgow
Eine Szene von der UN-Klimakonferenz im November in Glasgow. 2022 ist Ägypten der Gastgeber der COP27. © imago images/NurPhoto, Dominika Zarzycka via www.imago-images.de, www.imago-images.de

Die Welt steuert auf eine krasse Erwärmung zu, deren Konsequenzen für uns nicht mehr beherrschbar sind. Um die Erwärmung zu begrenzen, gibt es die UN-Klimakonferenzen: Auf diesem Gipfel wird alljährlich verhandelt, welche Klimaziele die Staatengemeinschaft erreichen möchte. 2022 ist Afrika der Gastgeber, stellvertretend übernimmt Ägypten das Zepter des Handelns. Und die Ägypter haben Großes angekündigt: Die Klimakonferenz COP27 in Sharm-El-Sheik soll nach dem Willen der Ausrichter ein „radikaler Wendepunkt in den internationalen Bemühungen um das Klima sein – in Zusammenarbeit mit allen Parteien für das Gemeinwohl Afrikas und der gesamten Welt“. Das hört sich toll an. Sind wir gespannt, ob die ägyptischen Gastgeber auch Taten folgen lassen.

Lese-Tipp: Die Chance ergreifen: Grüne Ökonomie kann riesiger Wirtschaftsfaktor werden

Im Abschluss-Kommunikee des vergangenen Gipfels in Glasgow steht, dass die Staaten schnellere und verstärkte Klimaschutzanstrengungen vornehmen sollen. So wurde von der britischen Präsidentschaft festgelegt, dass die Pläne für eine Dekarbonisierung der Wirtschaft "zu überdenken und zu stärken" seien. Die Regierungen sollen dies bereits bis Ende 2022 tun und nicht wie bisher vorgesehen erst 2025. 2022 wird also ein wichtiges Jahr für unser Klima – und die Klimakonferenz in Ägypten ein weiterer Meilenstein auf dem Weg zum 1,5-Grad-Ziel.

Millionen ohne Strom: Historischer Wintersturm in Texas

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(osc)