2 Jahre nach der Air-Berlin-Pleite: Was machen die Ex-Mitarbeiter heute?

Air Berlin Flugzeug
Am 15. August 2017 war Schluss für Air Berlin, die deutsche Fluglinie meldete Insolvenz an. Die letzte Air-Berlin-Maschine flog am 27.10.2017 von München nach Berlin. © iStockphoto

Von Pia Sundermann

Sie verteilten die legendären Schoko-Herzen, beruhigten nervöse Fluggäste und flogen uns sicher durch die ganze Welt. Doch am 15. August 2017 war endgültig Feierabend für die Piloten und Flugbegleiter von Air Berlin. Die 1978 gegründete Fluglinie meldete Insolvenz an. Ein Riesenschock, nicht nur für die Kunden, sondern auch für die Crew. Viele von ihnen fürchteten die Arbeitslosigkeit. Wir sprachen mit vier Ex-Air-Berlinern, wie sich ihr Leben zwei Jahre nach der Pleite verändert hat. 

Jan Rüdiger (34): Ex-Steward, heute Geschäftsführer einer Schönheitsklinik

Jan Rüdiger
Jan Rüdiger während seiner Zeit als Steward bei Air Berlin. © Jan Rüdiger

„Die Nachricht von der Pleite war der totale Schock für mich! Ich werde diesen Tag nie vergessen, denn am 15. August habe ich auch meinen 32. Geburtstag gefeiert. Ich erinnere mich noch ganz genau an den Tag: Ich bin aufgewacht, habe den Fernseher angemacht und von der Insolvenz erfahren. Na, herzlichen Glückwunsch habe ich mir gedacht, was für ein tolles Geburtstagsgeschenk!

Nach dem Schock, folgte eine gewisse Entspanntheit. Wir dachten ja alle, dass wir von der Lufthansa übernommen werden, das wurde ja auch so in den Medien berichtet. War natürlich nicht so. Dennoch hatte ich beruflich Glück im Unglück. Während meiner Air-Berlin-Zeit habe ich nebenbei schon in der Beautybranche gearbeitet. Und so machte ich den Nebenjob zum Hauptberuf: Jetzt bin ich Geschäftsführer der Berliner Schönheitsklinik "Medicalthree" auf dem Ku'Damm. Früher begleitete ich Promis wie Micaela Schäfer auf ihren Flugreisen, jetzt kommen sie zu mir zum Botox! Mein Ziel: Eines Tages der Udo Walz der Beautybranche zu werden!

"Der alte Lifestyle fehlt mir schon"

Jan Rüdiger mit Micaela Schäfer
Heute ist Jan Rüdiger erfolgreicher Geschäfsführer vom Berliner Beauty-Studio Medicalthree. © Jan Rüdiger, Medicalthree

Aber ja, mir fiel es schon ein wenig schwer, den Lifestyle eines Flugbegleiters aufzugeben: Per Mitarbeiterpreis zum Shoppen nach New York, mal kurz zum Bräunen nach Miami oder Standby zum Ästhetik-Kongress nach Monaco – das war ein echtes Jetset-Leben!

Manchmal fehlen mir die Air-Berlin-Zeiten. Das merke ich jedes Mal, wenn ich als Gast in einen Flieger steige. Das fängt beim Geruch nach Kerosin und Kaffee an und geht weiter, wenn die Maschine auf die Startbahn rollt und die Düsen mit voller Kraft aufheulen. Air Berlin war eine Fluglinie mit Herz, das fehlt mir echt. Deswegen habe ich versucht, möglichst viel vom Air Berlin-Spirit in meine Beauty-Praxis rein zu bringen. Mein Logo ist von Air Berlin inspiriert, und am Ende bekommt jeder Patient das obligatorische Schoko-Herz  jedoch mit dem Namen Medicalthree drauf statt Air Berlin.“ 

Björn Schmidt (36): Früher Purser, heute Abteilungsleiter beim Personaldienstleister

Björn Schmidt
Björn Schmidt war von 2004 bis Oktober 2017 bei Air Berlin © Björn Schmidt

„Ich war von 2004 bis Oktober 2017 als Purser (Anm. d. Red.: Kabinenchef) bei Air Berlin. Ich konnte bis zum letzten Tag nicht wirklich glauben, was damals passierte. Ich hatte an dem Schicksalstag frei und war zu Hause, als plötzlich eine aufgeregte WhatsApp-Nachricht von einer befreundeten Kollegin kam. Sie schrieb, dass ich schnell den Fernseher anmachen soll, auf allen Kanälen werde über die Air-Berlin-Insolvenz berichtet. Ich war geschockt! Klar, man wusste, dass es Air Berlin nicht gut ging, aber dass es so schnell zum Aus kommen würde, damit haben wir nie gerechnet! 

Doch trotz der Schocknachricht blieb ich, wie auch andere Kollegen, optimistisch. Wie von den Medien gemeldet, ging ich davon aus, von der Lufthansa übernommen zu werden. Doch die Lage wurde im September, Oktober 2018 immer ernster. Aber selbst da blieb ich noch positiv gestimmt und dachte, dass es irgendwie schon weitergehen wird. Die Abschiedsfeier war sehr emotional. Es gab sogar von der Flughafenfeuerwehr eine Wasserfontäne, was nur bei Kapitänsverabschiedungen oder Erstflügen gemacht wird. Und nach der Party hat es dann auch bei mir Klick gemacht. Da wusste ich, dass alles vorbei war.

"Nach Air Berlin wollte ich was Neues ausprobieren"

Björn Schmidt
Björn Schmidt arbeitet heute als Manager bei einem großen Personaldienstleister. © Björn Schmidt

Easyjet hat einen Großteil der Kollegen übernommen. Ich wollte aber was Neues ausprobieren, schließlich war ich erst Mitte 30. Glücklicherweise war ich neben meiner Tätigkeit als Purser, auch als Ausbilder und Recruiter bei Air Berlin beschäftigt. Und so nutzte ich diese Erfahrung für meinen neuen Beruf als Personalberater. Seit Februar 2018 vermittle ich nun für einen Personaldienstleister Fach- und Führungskräfte. Der neue Job macht mir Spaß, auch wenn es erst einmal eine Umstellung war, weil es nun ein Nine-to-Five-Büro-Job ist. Und klar, ab und zu vermisse ich Air Berlin, besonders dann, wenn ich in den Urlaub fliege.“

Denise Neubert (44): Früher Kabinenchefin, heute Stewardess mit Nebenjob

Denise Neubert
Denise Neubert während ihrer Zeit als Flugbegleiterin. © Denise Neubert

„Wie meine Kollegen, habe ich nicht persönlich von Air Berlin von der Pleite erfahren, ich musste davon in der Zeitung lesen. Das war natürlich hart. Es hieß damals, wir würden von anderen Airlines aufgefangen werden, das haben wir auch geglaubt. Doch letztendlich wurden nur die Flugzeuge und nicht die Crew übernommen. Das war schon hart, ich hatte ja auch noch drei kleine Kinder (4, 9 und 11), die ich alleine großzog. Zum Glück haben mich damals – und heute immer noch – mein Ex-Partner und seine Familie unterstützt.

Ich musste mich damals komplett neu bewerben. Glücklicherweise wurde ich bei der Lufthansa genommen, aber ich fing wieder ganz von vorne an: Statt Chef-Stewardess war ich wieder einfache Stewardess – mit Nebenjob als Kellnerin. Das Gehalt reicht leider vorne und hinten nicht, weil ich bei der Lufthansa ein 83-Prozent-Gehaltsmodell (Vollzeit fliegen im Sommer und reduziert fliegen im Winter) habe.

Ich vermisse Air Berlin, die Fluglinie war mein halbes Leben. Ich habe vor 19 Jahren, am 12. Oktober 1998 bei Air Berlin angefangen, da war ich Anfang 20. Ich bin froh, dass ich heute noch weiterfliegen kann. Aber den Abschied betrachte ich heute mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Als ich damals anfing, herrschte noch eine besondere Stimmung. Air Berlin war ein reiner Ferienflieger. Heute, wo Fliegen viel günstiger als Zugfahren ist, hat sich auch das Publikum zum Teil geändert.“

David McCaleb (62): Pilot, flog die letzte Air-Berlin-Maschine

David McCaleb
Flugkapitän David McCaleb steht am 27.10.2017 auf dem Vorfeld vom Flughafen in München vor dem Flugzeug von Air Berlin, mit dem der letzte Flug der Airline durchgeführt werden soll. © dpa, Matthias Balk, mbk sab

Wer an die Air-Berlin-Pleite von vor zwei Jahre denkt, assoziiert damit auch diesen Mann: David McCaleb. Der Kapitän flog die allerletzte Maschine am 27. Oktober 2017 von München nach Berlin. Nicht nur der Flug war etwas ganz Besonderes, sondern auch der allerletzte Funkspruch: „BER4EVR“, was für "Air Berlin for ever" stehen sollte. Der Amerikaner war ein Urgestein bei Air Berlin. Seit Oktober 1990 war er bei der deutschen Fluggesellschaft dabei, dementsprechend emotional war der Abschied für ihn: 

„Wir waren alle etwas überrascht von der Insolvenz. Wir wussten, dass es Air Berlin nicht gut ging. Doch es gab einen angeblichen Garantiebrief von Etihad. Darin stand, dass Etihad bis mindestens Ende 2018 Air Berlin unterstützen wird. Ich hörte von den Medien schließlich, dass Air Berlin Pleite ist. Klar, es war ein Schock, aber irgendwie dachte man 'Ach, das hat man schon früher gehört, geht schon irgendwie weiter'. War aber nicht so. In den Tagen darauf war alles sehr nett, man wollte uns unterstützen. Doch letztendlich hat sich jeder selbst um einen Job gekümmert. Wir fingen wieder von vorne an, mussten uns neu bewerben und natürlich auch zum Arbeitsamt gehen. Es gab auch nicht für alle Unterstützung seitens des Arbeitsamtes. Ein Pilotenkollege musste zum Beispiel alle sechs Monate auf eigene Kosten seine Musterberechtigung (Anm. d. Red.: Berechtigung zum Führen eines bestimmtes Luftfahrzeuges) neu erwerben – das kostet eine Stange Geld!

Der letzte Flug war sehr ambivalent. Auf der einen Seite ist es ein ganz normaler Flug, auf der anderen Seite fliegt man ein letztes Mal mit Air Berlin. Aber ich bin froh, dass ich mit vielen Kollegen heute noch in Kontakt stehe. Persönlich hat mich die Insolvenz gar nicht so mitgenommen, da ich schon einmal eine Insolvenz mit der US-amerikanischen Airline Braniff mitgemacht habe, die 1982 pleite ging. Ich habe sofort Bewerbungen verschickt, auch wenn ich wusste, dass das mit damals 61 Jahren schwierig werden würde. Aber in Rente wollte ich nicht, dafür fliege ich einfach viel zu gerne. Zum Glück wurde ich bei Easyjet als Pilot angeheuert. Eine tolle und faire Firma. Auch wenn ich die Zeit von damals mit den Kollegen und die großartigen Ziele wie die USA, Karibik und Südostasien vermissen werde.“